Medikamente

Antidepressiva?
Müssen die wirklich sein?

Wie wirken Antidepressiva?

Antidepressiva, also Medikamente zur Behandlung der Depression, wirken im Gehirn. Wie genau sie helfen, erklären wir dir hier.

Wie funktioniert die Informationsübertragung im Gehirn?

Unser Gehirn ist die Steuerungszentrale unseres Körpers, hier kommen alle Informationen zusammen. Es verarbeitet Sinneswahrnehmungen wie Hören oder Sehen, steuert Bewegungen und Verhalten sowie Gedanken und Gefühle. Das wird durch eine komplizierte elektrische und chemische Informationsübertragung zwischen Milliarden von Nervenzellen möglich. Und zwar so:

Innerhalb einer Nervenzelle im Gehirn werden Informationen (zum Beispiel für eine bestimmte Handlung wie: „rechte Hand bewegen“) über elektrische Signale (ähnlich wie bei einem Schaltkreis im Stromnetz) an eine zweite Nervenzelle weitergegeben. Dafür sind chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) nötig, zu denen Serotonin, Noradrenalin und Dopamin gehören. Die erste Nervenzelle stellt diese chemischen Botenstoffe her und entlässt sie in einen Spalt, der sich zwischen der ersten und der zweiten Nervenzelle befindet.

Die Botenstoffe können an sogenannten „Rezeptoren“ an der zweiten Nervenzelle andocken. Dieses Andocken löst einen elektrischen Impuls in der zweiten Nervenzelle aus – die Information wird so von der ersten zur zweiten Nervenzelle übermittelt. Nachdem die Information weitergeleitet wurde, lösen sich die Botenstoffe vom Rezeptor der zweiten Nervenzelle und werden durch einen Transporter wieder in der ersten Nervenzelle aufgenommen. Botenstoffe können so bei einer erneuten Informationsübertragung wiederverwendet werden. Sehr komplex, das Ganze – so funktioniert unser Gehirn nun mal.

Depression: Die Informationsübertragung ist aus der Balance geraten


Studien haben gezeigt, dass die Depression mit Veränderungen in der Informationsübertragung in bestimmten Gehirnbereichen zusammenhängt. Das betrifft u. a. Gehirnbereiche, die eine Rolle bei der Entstehung von Gefühlen und Gedanken spielen, und Bereiche, die für die Planung und Steuerung von Handlungen und Verhalten zuständig sind. Wie kommt es nun zu diesen Problemen bei der Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle?

Das kann dadurch entstehen, dass die Nervenzellen zu wenig Botenstoffe ausschütten, sodass ein Mangel vorliegt. Es kann aber auch sein, dass die Anzahl der Rezeptoren, an die sich die Botenstoffe an der zweiten Nervenzelle andocken, verändert ist. Antidepressiva wirken so: Sie greifen bei diesen Botenstoffen an und versuchen, den Mangel auszugleichen und das Gleichgewicht der Botenstoffe wiederherzustellen.

Die unterschiedlichen Klassen von Antidepressiva

Es gibt unterschiedliche Arten oder Klassen von Antidepressiva. Die musst du natürlich nicht alle kennen oder im Gedächtnis behalten. Hier kannst du aber jederzeit nachschauen. Zu den Klassen von Antidepressiva gehören unter anderem:

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs)

Trizyklische Antidepressiva (TZAs)

Monoaminoxidase-Hemmer (MAOIs)

Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRIs)

Noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSAs)

Es gibt einige Ängste und auch Vorurteile gegenüber Antidepressiva. Du solltest deshalb zunächst wissen: Antidepressiva machen weder abhängig noch verändern sie die Persönlichkeit. Und: Man benötigt ein Rezept der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes, um ein Antidepressivum zu bekommen. Nur Ärztinnen und Ärzte können ein solches Rezept ausstellen, andere Fachpersonen wie zum Beispiel Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen dürfen dies nicht.

Fluoxetin als Medikament erster Wahl

Fluoxetin ist der einzige Wirkstoff, der in Deutschland auch für die Behandlung einer Depression bei Kindern und Jugendlichen zugelassen ist. Er darf nur bei Kindern und Jugendlichen über 8 Jahren mit einer mittelgradigen oder schweren Depression in Kombination mit einer Psychotherapie angewendet werden (weitere Informationen zu den Behandlungsempfehlungen findest du hier).
Antidepressiva mit diesem Wirkstoff stammen aus der Klasse der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs). Die haben wir dir weiter oben vorgestellt. Fluoxetin erhöht vor allem die Menge des Botenstoffes Serotonin. So versucht man, die Informationsübertragung im Gehirn bei einer Depression wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Es dauert allerdings oft circa 2–3 Wochen, bis Fluoxetin (und andere Antidepressiva aus der Klasse der SSRIs) seine volle Wirkung entfaltet. Du kannst dir das wie beim Sport vorstellen: Da dauert es auch einige Zeit, bis man erste Trainingseffekte sieht. Bleib also geduldig, wenn du nicht direkt eine Wirkung wahrnimmst. Und nimm dann auch keinesfalls mehr Fluoxetin ein, als von deiner Ärztin oder deinem Arzt verschrieben wurde. Wenn ein SSRI scheinbar (noch) keine Wirkung zeigt, ist es sinnvoll, das mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu besprechen.

Nebenwirkungen? Es kommt darauf an

Wie andere Medikamente können auch Antidepressiva unerwünschte Nebenwirkungen haben. Bevor du ein Antidepressivum einnimmst, solltest du von deiner behandelnden Ärztin oder deinem behandelnden Arzt darüber ausführlich informiert werden. Auch deine Ängste, Sorgen oder Zweifel bezüglich Nebenwirkungen solltest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen. Wenn du ein Antidepressivum einnimmst, ist eins sehr wichtig: Beobachte zusammen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt gut, ob Nebenwirkungen auftreten. Jede Art der Nebenwirkung solltet ihr besprechen.

Deine Ärztin oder dein Arzt sollte auch regelmäßige Kontrolluntersuchungen machen, um zu überprüfen, ob du das Antidepressivum gut verträgst und ob die Dosis verändert werden sollte. Deshalb sind auch regelmäßige Blutuntersuchungen wichtig. Aber: Setze Antidepressiva auf keinen Fall ohne Absprache mit deiner behandelnden Ärztin / deinem behandelnden Arzt ab. Nimm auch nicht mehr oder weniger ein als verschrieben.

Schon am Anfang der Behandlung mit Fluoxetin können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Dies sind die häufigsten:

Kopfschmerzen

Magen-Darm-Beschwerden, zum Beispiel Durchfall

Schwindel und Übelkeit

Benommenheit bzw. Schläfrigkeit

Schlafstörungen

Stimmungsschwankungen

Unruhezustände

weniger Appetit

Antriebssteigerung

sexuelle Funktionsstörungen (insb. bei Jungen)

Diese Nebenwirkungen verschwinden jedoch oft nach einiger Zeit von selbst wieder. Und die unerwünschten Nebenwirkungen treten auch nicht bei jeder oder jedem auf. Wie gut ein bestimmtes Antidepressivum vertragen wird, ist nämlich von Person zu Person unterschiedlich.

Gerade zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva kann es sein, dass man vermehrt lebensmüde Gedanken hat. Das ist beängstigend, und auch deshalb ist es sehr wichtig, dass die Behandlung nur unter Aufsicht einer Ärztin oder eines Arztes erfolgt, die auch nach solchen Gedanken fragt. Falls bei dir solche Gedanken auftreten, dann besprich das unbedingt mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt bzw. hol dir sofort Hilfe.
Bitte beachte: Die Behandlung mit einem Antidepressivum gilt dennoch als sicher und wirksam.

Weitere Medikamente zur Behandlung der Depression

Fluoxetin ist der empfohlene Wirkstoff für Kinder und Jugendliche mit einer schweren Depression. Es kann jedoch Gründe geben, die gegen eine Behandlung mit Fluoxetin sprechen. Zum Beispiel, wenn du gleichzeitig noch andere Medikamente einnimmst, die Einfluss auf die Wirkung von Fluoxetin haben. Oder wenn starke und anhaltende unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, die es unmöglich machen, dass du Fluoxetin weiter einnimmst. Es kann auch persönliche Gründe gegen die Einnahme von Fluoxetin geben. Dann kannst du zusammen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt überlegen, ein anderes Antidepressivum einzunehmen. In diesen Fällen sollte ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Sertralin, Citalopram oder Escitalopram verschrieben werden. Auch diese Wirkstoffe gehören zur Klasse der SSRI.

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