Wie wirken Antidepressiva?

Antidepressiva, also Medikamente zur Behandlung der Depression, wirken im Gehirn. Wie genau sie helfen, erklären wir hier.

Wie funktioniert die Informationsübertragung im Gehirn?

Unser Gehirn ist die Steuerungszentrale unseres Körpers, hier kommen alle Informationen zusammen. Es verarbeitet Sinneswahrnehmungen wie Hören oder Sehen, steuert Bewegungen und Verhalten sowie Gedanken und Gefühle. Das wird durch eine komplizierte elektrische und chemische Informationsübertragung zwischen Milliarden von Nervenzellen möglich. Und zwar so:

  1. Innerhalb einer Nervenzelle im Gehirn werden Informationen (zum Beispiel für eine bestimmte Handlung wie: „rechte Hand bewegen“) über elektrische Signale an eine zweite Nervenzelle weitergegeben. Dafür sind chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) nötig, zu denen Serotonin, Noradrenalin und Dopamin gehören.

  2. Die erste Nervenzelle stellt diese chemischen Botenstoffe her und entlässt sie in einen Spalt, der sich zwischen der ersten und der zweiten Nervenzelle befindet. Die Botenstoffe können an sogenannten „Rezeptoren“ an der zweiten Nervenzelle andocken. Dieses Andocken löst einen elektrischen Impuls in der zweiten Nervenzelle aus – die Information wird so von der ersten zur zweiten Nervenzelle übermittelt.

  3. Nachdem die Information weitergeleitet wurde, lösen sich die Botenstoffe vom Rezeptor der zweiten Nervenzelle und werden durch einen Transporter wieder in der ersten Nervenzelle aufgenommen. Botenstoffe können so bei einer erneuten Informationsübertragung wiederverwendet werden.

Depression: Veränderungen in der Informationsübertragung im Gehirn

Studien haben gezeigt, dass die Depression mit Veränderungen in der Informationsübertragung in bestimmten Gehirnbereichen zusammenhängt. (Verlinkung zu „Wie entsteht eine Depression?“). Zum Beispiel in Gehirnbereichen, die eine Rolle bei der Entstehung von Gefühlen und Gedanken spielen, und in den Bereichen, die für die Planung und Steuerung von Handlungen und Verhalten zuständig sind.

Wie kommt es nun zu diesen Problemen bei der Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle? Das sind mögliche Auslöser: 1. Die Nervenzellen schütten zu wenig Botenstoffe aus, sodass ein Mangel vorliegt. 2. Es kann aber auch sein, dass die Anzahl der Rezeptoren, an die sich die Botenstoffe an der zweiten Nervenzelle andocken, verändert ist. Antidepressiva wirken so: Sie greifen bei diesen Botenstoffen an und versuchen, den Mangel auszugleichen und das Gleichgewicht der Botenstoffe wiederherzustellen.

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Die unterschiedlichen Klassen von Antidepressiva

Es gibt unterschiedliche Arten oder Klassen von Antidepressiva. Die müssen Sie natürlich nicht alle kennen oder im Gedächtnis behalten. Hier können Sie jederzeit nachschauen.

Zu den Klassen von Antidepressiva gehören unter anderem:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

  • trizyklische Antidepressiva (TZAs)

  • Monoaminoxidase-Hemmer (MAOIs)

  • Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRIs)

  • Noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSAs)

Es gibt einige Ängste und auch Vorurteile gegenüber Antidepressiva. Sie sollten deshalb zunächst wissen: Antidepressiva machen weder abhängig noch verändern sie die Persönlichkeit. Und: Man benötigt ein Rezept der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes, um ein Antidepressivum zu bekommen. Nur Ärztinnen und Ärzte können ein solches Rezept ausstellen, andere Fachpersonen wie zum Beispiel Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen dürfen dies nicht.

Fluoxetin als Medikament erster Wahl

Fluoxetin ist der einzige Wirkstoff, der in Deutschland auch für die Behandlung einer Depression bei Kindern und Jugendlichen zugelassen ist. Er darf nur bei Kindern und Jugendlichen über 8 Jahren mit einer mittelgradigen oder schweren Depression in Kombination mit einer Psychotherapie angewendet werden. Hier finden Sie weitere Informationen zu den Behandlungsempfehlungen.
Antidepressiva mit diesem Wirkstoff stammen aus der Klasse der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs). Fluoxetin erhöht vor allem die Menge des Botenstoffes Serotonin. So versucht man, die Informationsübertragung im Gehirn bei einer Depression wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Es dauert allerdings oft 2–3 Wochen oder noch länger, bis Fluoxetin (und andere Antidepressiva aus der Klasse der SSRIs) seine volle Wirkung entfaltet. Sie können sich das wie beim Sport vorstellen: Da dauert es auch einige Zeit, bis man erste Trainingseffekte sieht. Bleiben Sie also geduldig (auch mit Ihrem Kind), wenn nicht direkt eine Wirkung wahrzunehmen ist. Und achten Sie darauf, dass Ihr Kind keinesfalls mehr Fluoxetin einnimmt, als von der Ärztin oder dem Arzt verschrieben wurde. Wenn ein SSRI scheinbar (noch) keine Wirkung zeigt, ist es sinnvoll, das mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu besprechen.

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Nebenwirkungen? Es kommt darauf an

  1. Wie andere Medikamente können auch Antidepressiva unerwünschte Nebenwirkungen haben. Bevor Ihr Kind ein Antidepressivum einnimmt, sollten Sie gemeinsam von der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt darüber ausführlich informiert werden. Besprechen Sie auch Ihre Ängste, Sorgen oder Zweifel bezüglich der Nebenwirkungen mit der Ärztin oder dem Arzt.

  2. Wenn Ihr Kind ein Antidepressivum einnimmt, ist eins sehr wichtig: Beobachten Sie zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt gut, ob Nebenwirkungen auftreten. Jede Art der Nebenwirkung sollten Sie besprechen. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt sollte auch regelmäßige Kontrolluntersuchungen machen, um zu überprüfen, ob Ihr Kind das Antidepressivum gut verträgt und ob die Dosis verändert werden sollte.

Schon am Anfang der Behandlung mit Fluoxetin können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Dies sind die häufigsten:

  • Kopfschmerzen

  • Magen-Darm-Beschwerden, zum Beispiel Durchfall

  • Schwindel und Übelkeit

  • Benommenheit bzw. Schläfrigkeit

  • Schlafstörungen

  • Stimmungsschwankungen

  • Unruhezustände

  • weniger Appetit

  • Antriebssteigerung

  • sexuelle Funktionsstörungen (insb. bei Jungen)

Diese Nebenwirkungen verschwinden jedoch oft nach einiger Zeit von selbst wieder. Und die unerwünschten Nebenwirkungen treten auch nicht bei jeder oder jedem auf. Wie gut ein bestimmtes Antidepressivum vertragen wird, ist von Person zu Person unterschiedlich.

Gerade zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva können lebensmüde Gedanken vermehrt auftreten. Das ist sehr beängstigend, und deshalb ist es so wichtig, dass die Behandlung nur unter Aufsicht einer Ärztin oder eines Arztes erfolgt, die auch nach solchen Gedanken fragt. Bitte beachten Sie: Die Behandlung mit einem Antidepressivum gilt dennoch als sicher und wirksam.

Weitere Medikamente zur Behandlung der Depression

Fluoxetin ist der empfohlene Wirkstoff für Kinder und Jugendliche mit einer schweren Depression. Es kann jedoch Gründe geben, die gegen eine Behandlung mit Fluoxetin sprechen. Zum Beispiel, wenn Ihr Kind gleichzeitig noch andere Medikamente einnimmt, die Einfluss auf die Wirkung von Fluoxetin haben. Oder wenn starke und anhaltende unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, die es unmöglich machen, dass Ihr Kind Fluoxetin weiter einnimmt.

Manchmal gibt es auch ganz persönliche Gründe gegen die Einnahme von Fluoxetin. Dann können Sie zusammen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt überlegen, ein anderes Antidepressivum einzunehmen. In diesen Fällen sollte ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Sertralin, Citalopram oder Escitalopram verschrieben werden. Auch diese Wirkstoffe gehören zur Klasse der SSRIs.